Eine geheimnisvolle Fundmünze

Fundmünze aus der Umgebung der Externsteine, Buchillustration von Louis Niebour, 1823. Repro: Landesarchiv NRW Abt. OWL

Wilhelm Dorow (1790-1846), der Begründer des heutigen Rheinischen Landesmuseums in Bonn, veröffentlichte 1823 bei Cotta in Stuttgart den Band 1 seines Werkes "Die Denkmale germanischer und römischer Zeit in den Rheinisch-Westfälischen Provinzen". Darin ging er auch auf die Externsteine ein, die er 1820 von Pyrmont aus besucht hatte. Dem Artikel sind Zeichnungen von Louis Niebour aus Hameln beigefügt. Auf Seite 80 erwähnt Dorow eine Fundmünze aus der Nähe der Felsen:

In der Gegend der Externsteine wurden mehrere Alterthums-Gegenstände gefunden, welche in das Königliche Museum rheinisch-westfälischer Alterthümer gekommen sind und hier Erwähnung finden mögen.

1. Ein Stück Kupfer von 1 ½ Zoll Durchmesser, und 2 Linien Dicke (…) Die eine Seite ist ganz glatt, dagegen erscheint auf der andern Seite eine, auf halbem Monde ruhende, beide Hände mehr und minder empor hebende männliche Figur mit Hörnern – oder einer Kuhhaut mit Hörner(n), auf dem Kopfe.

Dorow identifizierte die Figur mit dem phrygischen Gott "Lunus". Damit meinte Dorow wohl den kleinasiatischen Mond- und Fruchtbarkeitsgott Men.

Vgl. Rainer Vollkommen: Men, in: Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae, Bd. VI/1, 1992, S. 462-473 u. Bildtafeln in Bd. VI/2, 1992, S. 239-255.

Ein neuer Deutungsversuch

Was hat es mit der von Dorow erwähnten und von Niebour gezeichneten Münze auf sich? Der Münsteraner Numismatiker Dr. Peter Ilisch teilte dazu auf Anfrage freundlicherweise folgendes mit:

"In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man vielfach voreilig Fundmünzen, die man nicht erklären konnte, zu römischen gemacht. Daher ist immer Vorsicht bei entsprechenden Nachrichten geboten. Eine Münze wie abgebildet, gibt es unter den römischen Reichsprägungen nicht und kleinasiatische Lokalprägungen kommen in Deutschland extrem selten vor.

Man könnte allerdings in Betracht ziehen, dass die Zeichnung etwas rekonstruierend ist und etwas hineingedeutet hat. Die unter Caracalla eingeführten Doppeldenare (Antoniniane) haben bei den im Namen von Frauen geprägten Münzen grundsätzlich den Kopf auf einen Halbmond gesetzt."

Ein Beispiel für eine solche Münze kann man hier sehen: Weblink

Fazit

Der Fundort der Münze ist mit "in der Umgebung der Externsteine" nur ungenau angegeben und die Zeichnung Niebours lässt eine eindeutige Identifizierung nicht zu. Wahrscheinlicher als die Vermutung Dorows, es sei eine kleinasiatische Lokalprägung mit einer Darstellung des Gottes "Lunus" bzw. Men, ist die Vermutung, dass es sich um einen Antoninian des 3. Jahrhunderts mit der Darstellung einer Kaiserin mit dem Halbmond handeln könnte.

Fundmünzen der späten Römischen Kaiserzeit sind in Ostwestfalen-Lippe und auch in der näheren Umgebung der Externsteine nicht selten und zeugen von Kontakten der Region zum Reichsgebiet. Für die Geschichte der Externsteine selbst hat die Münze keine Aussagekraft.

Vgl. Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland, Abt. VI: Nordrhein-Westfalen, Bd. 6: Detmold, bearb. von Bernard Korzus, Berlin 1973, u. a. S. 41f. (Holzhausen-Externsteine und Horn) und S. 46 (Fundmünzen entlang der Wege von den Externsteine über die Große Egge und am Kreuzkrug entlang bis Lippspringe).

Text: R. Linde